„Im Prinzip ist das ganze Leben fremd“

Wie 17- bis 25-Jährige unterschiedlichster Herkunft ihre Welt wahrnehmen, steht aktuell im Blickpunkt von Hauptbücherei und Wiener Festwochen: Mit dem Ausstellungs- und Dialog-Projekt „Gestrandet“ gewähren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Jugendliche mit Migrationshintergrund und heimische Lehrlinge Einblick in ihre mitunter hochkontroversiellen Meinungen.

Flüchtlingsthema
Von September 2015 bis Jänner 2016 befragten die Regisseurin Birte Brudermann und die Historikerin Clara Peterlik ca. 50 Jugendliche verschiedenster Provenienz zu ihrem Verständnis der Begriffe „Unheimliches“, „Fremdes“, „Körper“, „Intimität“, „Autorität“ und „Genuss“. Die Themenauswahl war inspiriert durch Publikationen des Soziologen Helmut Dahmer und der Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Hanna Hacker sowie von Bildanalysen des Kunsthistorikers Erwin Pokorny. Auf diese Weise versuchten Brudermann und Peterlik „herauszufinden, wie unterschiedlich oder wie gleich die Ansichten von Jugendlichen, die in Österreich geboren bzw. aufgewachsen sind, im Vergleich mit den Ansichten von in Österreich Neuangekommenen“. Das Resultat dieser Arbeit ist nun bis 14. Juni im Foyer der Hauptbücherei in der Ausstellung „Gestrandet“ zu begutachten: Audioaufnahmen, Videos und mit handgeschriebenen, markig-provokanten Zitaten versehene Schilder ziehen die Aufmerksamkeit der Besucher/innen auf sich. Denn, wie die Ausstellungsmacherinnen bei der Eröffnung am 3. Mai mehrfach betonten: „Nicht immer entsprachen die Positionen der Jugendlichen dem, was wir als Interviewerinnen hören wollten.“

Vom Untergang des „hellen, weißen Volkes“

Heftig schlucken mussten die beiden wohl bei den Äußerungen eines Lehrlings, der in Wiens wachsender ethnischer Vielfalt eine Gefahr für die autochthone Bevölkerung ortet und diese akut von der Auslöschung bedroht sieht. Sein schlichtes Resümee: „Ma geht unter“. Ein Szenario für das er u.a. auch die niedrige Geburtenrate bei Österreicherinnen verantwortlich macht. Zur Anhebung der Anzahl an Neugeborenen schlägt er vor: „Das Mutterkreuz wieder einführen! Es ist Teil unserer Kultur, dass wir ein helles, weißes Volk sind.“ Nicht nur die mit diesem (vermeintlichen) Lösungsansatz einer staatlich regulierten Geburtenquote einhergehende „enorme Reduktion der Frau auf die Mutterrolle“, wie Soziologe Helmut Dahmer anmerkt, macht sprachlos, sondern vor allem der Nazi-Jargon des jungen Mannes.

Unterminierung weiblicher Selbstbestimmtheit

Ist es bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ein unverhohlener Nationalismus, der für Beklemmung sorgt, so wirken manche Aussagen der kürzlich Zugewanderten nicht minder befremdlich: „Lesben sind eine Gesellschaftskrankheit“, ist etwa auf einer Plakattafel zu lesen. Und ein Junge erklärt: „In der Schule neben einer Frau ohne Hidschab zu sitzen, ist eine Herausforderung, mit Hidschab ist sie geschützt.“ Beide Positionen - sowohl der Ruf nach dem Mutterkreuz als auch jene nach Verschleierung als weibliche Präventivmaßnahme gegen unerwünschte Aufmerksamkeit - laufen letztlich auf das Gleiche hinaus: Frauen ihre zäh errungene Selbstbestimmtheit abzuerkennen und ihre Lebensumstände dem Wohlwollen der (Ehe)männer zu überlassen. Sogar für die im Rahmen des Projekts interviewten Mädchen scheint das Stichwort „Feminismus“ kaum Thema zu sein. Alles, was ihnen dazu einfällt, ist: „Das waren erfolgreiche Frauen, davon lernt man in Geschichte“ und „es gibt Hollywoodstars, die sich dafür einsetzen“.

Fremdsein als Bedingung des Menschseins

Neben solch reaktionären, wenig reflektierten Äußerungen finden sich aber auch immer wieder erstaunlich entspannte, weltoffene Haltungen. Eine junge Frau sagt über das Gefühl des „Fremdseins“: „Ich sehe eigentlich nichts als fremd an, sondern alles als Möglichkeit, etwas neu kennenzulernen.“ Ihre Sichtweise wird auch von einem Berufsschüler geteilt. In einem Kurzfilm verrät er: „Ob ich jetzt in die Schule geh` oder auf eine neue Baustelle komm, am Anfang ist es auch fremd für mich. Im Prinzip ist das ganze Leben fremd für die Person, weil man immer was Neues sieht. Man lernt aber viel dazu.“

Religion als (Über)lebensritual

Ungeachtet der Themenstellung tritt eine auffällige Gottesfürchtigkeit unter den Burschen und Mädchen zutage: „Beten macht das Leben für uns leichter, ohne beten fühle ich mich verloren“ oder „die Nichtgläubigen können den Sinn des Lebens nicht beantworten“ sind Aussagen, die in erster Linie von den neu Zugezogenen stammen. Selbst wenn diese in der alten Heimat nicht besonders gläubig waren und den Koran erstmals in Traiskirchen gelesen haben, wie ein Junge aus Afghanistan erzählt. Eine Reaktion, die den Soziologen Dahmer nicht verwundert. Der Glaube, so Dahmer, diene als „Lebensritual, als roter Faden“, um die Übersicht in einem weitgehend unübersichtlich gewordenen Alltag zu bewahren: „In der Fremde stützt du dich auf dein Gepäck, Kultur ist deine eiserne Ration, worin du dich einkapselst. Das ist im Normalfall die Religion der Eltern und Großeltern.“ Gleichzeitig erachtet der Wissenschaftler aber „religiöse Identifizierung als das größte Hindernis für Integration“, da „die Religiösen es nicht hinkriegen, ihre Regeln als von Menschen gemachte zu erkennen“. Stattdessen werden diese als „göttliche Gebote“ fraglos akzeptiert - ein krasser Widerspruch zum Gedankengut der Moderne, das sich dieser Bindungen entledigt hat.

Vermittlungsversuch zwischen den Lebenswelten und Generationen

„Gestrandet“ ist ein zweifelsohne ambitioniertes, empfehlenswertes Ausstellungs- und Diskussions-Projekt der beiden Kulturschaffenden Brudermann und Peterlik. Es führt nicht zuletzt uns Erwachsenen vor Augen, wie die Jugend tickt, was ihre Anliegen, Nöte und Sorgen sind. Dem von Brudermann bei der Eröffnungsveranstaltung in der Hauptbücherei geäußerten Anspruch, als „Übersetzung“ zwischen Jugendsprache und akademischer Welt fungieren zu wollen, konnte das Projekt leider nicht vollends gerecht werden: Nach der Pause hatten sich die Sitzreihen deutlich gelichtet. Das Gros der zuvor anwesenden Jugendlichen verzichtete auf die Teilnahme an der Diskussion mit den Ausstellungsmacherinnen und ihren Gästen aus der Wissenschaft. Bleibt nur zu wünschen, dass die im Rahmen der Wiener Festwochen bei freiem Eintritt im Künstlerhaus angesetzten Gesprächsrunden regeren Zulauf finden. -mh STARTSEITE >

Infobox

„Gestrandet“

Eine Ausstellung von Birte Brudermann (Regisseurin) & Clara Peterlik (Historikerin) Foyer der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz 2A, 1070 Wien 3. Mai – 14. Juni, Mo-Sa 11:00-19:00 www.trickmyfilm.com

„Gestrandet“ bei den Wiener Festwochen

Dialoge: Akademie trifft auf Feldforschung (Eintritt frei) Lehrlinge, Flüchtline (UMF) und das Publikum im Gespräch Freitag, 20. Mai, 3./10. Juni, 18 Uhr, Künstlerhaus, Karlsplatz 5, 1010 Wien 20. Mai „Das Unheimliche“ mit Helmut Dahmer (Soziologe) 3. Juni „Körper, Intimität, Autorität“ mit Hanna Hacker (Kultur- und Sozialwissenschaftlerin) 10. Juni „Genuss“ mit Erwin Pokorny (Kunsthistoriker)